64 Fragments of Wall (2014)

IM GARTEN DER FRAGMENTE – ÜBER ABWEHR UND BEGIERDE IM SEHEN

Zur Serie Sixty-four Fragments of Wall

„Mit dem Blick verfügen wir über ein natürliches Instrument, vergleichbar dem Stock des Blinden. Je nach Art und Weise, in der der Blick die Gegen­stände befragt, über sie hingleitet oder auf ihnen ruht, gewinnt er ihnen mehr oder weniger ab. Farben sehen lernen heißt, einen gewissen Stil des Sehens, einen neuen Gebrauch des eigenen Leibes sich zu eigen zu machen, das Körperschema bereichern und neu organisieren.“

Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung

„Wie wenig schon die Einzeleinheit als verlässliche Wahrnehmungsgröße taugt, zeigt eine kurze Detailanalyse von Wall, das sich problemlos in vierund­sechzig distinkte Subentitäten gliedern lässt. Anders als jede abbildhafte Darstellung sind die vierundsechzig Fragmente optisch in ihrer Komplexität nicht synthetisierbar, allein wegen der Anzahl und der damit verbundenen räumlichen Über-Fülle. Die Fragmente der Detailanalyse selbst scheinen for­mal ausgehend von den Rändern zu interagieren. Der Rand jedoch ist an dieser Stelle ein nicht Object-Objects inhärentes, sondern nur durch dieses ausge­drücktes Element – seine bestimmte Negation.“

aus: Sixteen Object-Objects. Zum ding-ästhetischen
Status von Objekt-Objekten, ohne Ort, 2009 Privatdruck, 43

Statt –

Der Mappe Sixty-four Fragments of Wall war aufgetragen, einen ästheti­schen Beweis anzutreten: Sie sollte eine propositionale Aussage zur opti­schen Nicht-Synthetisierbarkeit der Binnenkomplexität der Object-Objects bezeugen. Dabei geschieht etwas zwischen dem die Botschaft transportie­renden Text, ihrem Appell und dem als zerstückelt vorzustellenden Bild, das einer intendierten Triangulation gleicht. Wegen der Differenz der Ordnungen jedoch, aus denen die Elemente schöpfen, misslingt dieses An­sinnen.

Es misslingt glückend aufgrund der weitgehenden He-Autonomie der Object-Objects. Sie verwerfen final externe Zugriffe. Sie weisen sie sogar lo­gisch ab, indem sie sie zulassen. Was wiederum der Text in seiner Diffe­renz zu den polyzentrisch-erstarrten Traumszenen der fraktalen Bildkörper innig ersehnt.

Die Begierde (nach) der Differenz

Dialektik: Jedes Anblicken ist auch ein Wegblicken, ein Auf-Abstand-Hal­ten, ein Hinweg-Blicken des Angeblickten. Das Anblicken holt dies dienst­bar ein, sobald die Differenz zum Angeblickten sinnenlogisch als Distanz spürbar wird. Anblicken und Angeblicktes heben ihr Differenzverhältnis in gemeinsamer Dienstverpflichtung auf, fallen zusammen als Unmittelbarkeit der Wahrnehmung von etwas. Die implizite Differenz jedoch bleibt in der Beziehung zum Angeblickten – phänomenologisch zumindest – ausgeblendet. Nicht präsent.

Wem wohl wäre, wo Sehen zum abstrakten Orientierungsinstrument leiblicher Aktivität wird, die aufrechterhaltene Wahrnehmung von Differenz hinder­lich? Wohl nur dem Status selbstgewählter leiblicher Orientierungsunmit­telbarkeit. Das heißt: Wo die causa finalis wichtige Nebenaspekte einer causa formalis verwirft, darf sie sich über weitere Korrumpierungsansin­nen bezüglich des Verständnisses von Leiblichkeit und (Um-)Welt nicht wundern.

Wo der Leib als Leib-Seele-Einheit sodann vermeintlich selbstverständlich agiert – und damit für-sich existiert –, befindet er sich seinerseits also in diesem weiteren differenziellen Verhältnis zur Dingwelt, zu den Objek­ten, der causa materialis des Wahrgenommenen. Er orientiert sich auf die Dingwelt, indem er sich ihr zuwendet, sich von ihr abwendet, sie passi­viert oder sie unangetastet lässt, aus welchen Gründen immer, hierin der causa efficiens von Wahrnehmen Ausdruck gebend.

Dass die Réalité humaine Mangel ist, allein weil Begierde in ihr exis­tiert, wie uns Sartre sagte, belegt das differenzielle Verhältnis von An- und (Hin-)Wegblicken insofern, als die Signifikate der Begriffe voller Begierde sind nach logischem Schluss.

Unscharfe Konturen … nur

Das Distanzierende im Sehen in seinem Bezug auf das Gesehene verlangt eine zumindest geringfügige Abweichung vom Gebrauchscharakter des Sehens als Unterstützung und Garant leiblicher Koordination und Orientierung, bedarf eines ‚clinamen‘ im Verständnis von Epikur. Die auch physikalische Unlogik dessen ist Ausdruck der präpositionalen Bedingung: um zu Sein. Ihrer konjunktiven, antizipatorischen Finalität, sozusagen.

Gäbe es eine eindeutige ‚Funktion‘ des Leibs in der Welt (einen Sinn), und, wäre sie uns im Verständnis auf individueller Ebene bestimmbarer Logik bekannt, so wäre auch die abgeleitete Hilfsfunktion des Sehens klar: eine arbeitsteilige Organisation von Orientierung zwecks Binnen-Funktionalität. Eine solche Leibfunktion ist aber unbestimmbar – trotz der umfangreichen Untersuchungen Merleau-Pontys zum corps propre. Sie ist insofern unbestimmbar, als sie jenseits der Aufrechterhaltung und Kons­titution von Leib selbst nur in Abgrenzung von umgebender Um-Welt exis­tiert. Wobei die Abgrenzung temporär jeweils die partielle Zurichtung, den Gebrauch, ebenso den Verbrauch – auf der Basis von Einschnitt und Entnahme – der (Um-)Welt mit verlangt. Auf individueller Ebene hat (Um-)Welt also auch ein Zweckverhältnis zu erfüllen: leibliche Reproduktion und Schaffung der Bedingungen für die Reproduktion – in zukünftiger Ein­holung von Vergangenem.

Es ist also nicht leicht möglich, den Leib vom Sehen und das Sehen vom Leib zu trennen. Genau wegen des tiefliegenden Identifikationszusammenhangs des Sehens, nämlich seiner mit dem Leib, ist das im Sehen unmittelbar mitgegebene Distanzverhältnis so wenig selbstverständlich präsent.

Es ist aber gleichwohl sogar logisch ableitbar. Denn: wäre da nicht ob­jektiv die Distanz zwischen dem zumindest teilweise Sehens-gesteuerten Leib und der umgebenden Umwelt, fielen die Einheiten untrennbar zusammen. Sie fallen allerdings teilweise zusammen, nämlich dort, wo sich ‚Sinn‘ organisiert. Der Sinn von (Um-)Welt-Dingen ist nicht autonom in ihnen, er muss beständig im Gebrauchsansinnen (re-)konstituiert werden und wird dies auch, vom Stuhl über die Straße bis zur Schrift. Dieser Sinn in ih­nen ist nicht prothetische Zutat, sondern weicher, unscharfer Verlauf einer ungreifbaren Trennlinie.

Wo Sehen zum einen in Watte gepackte Begierde nach dem Gesehenen in An­koppelung an Leib ist, obliegt ihm daneben eine Urteilsfunktion in Bezug auf das Angeblickte hinsichtlich der Umgangsformen mit ihm. Allerdings leistet das Sehen – nicht nur als Wahrnehmung, sondern bereits als Ein­heit von Perzeption und funktioneller Differenz – die Beurteilung nicht allein. Zum Ausweis seiner Zuträglichkeit wird von ihm verlangt, die Gegenposition zur virtuellen Vereinnahmung, die distanzierende Abwehr, zumindest der Möglichkeit nach, unter Beweis zu stellen, will es nicht visueller Indifferenz anheimfallen. Die vergessene Aufrechterhaltung der Distanz zwischen Angeblicktem und Anblickendem ist unmittelbare Konstitu­tionsbedingung des Autonomieansinnens des blickenden Blicks.

Gestörte Aneignung

Indem wir Dinge sehen, blicken wir sie also auch weg, ohne dieses Dis­tanzieren mit vergleichbarer Intensität wahrzunehmen, wie das Gesehene. Es ist nicht die objektive Wahrnehmung räumlicher Verhältnisse, würde das Sehen, bezogen auf uns als Sehende, diese Distanzen indizieren. Das Sehen selbst ist Herstellen der Distanz zum Angeblickten erst in einem Bereich zwischen Selbstbewusstsein und sinnlicher Wahrnehmung. Damit beantwor­tet sich die Frage, warum die Entfernungssetzung, das auf-Distanz-Halten und Hinweg-Sehen, so wenig als selbstverständliche (Neben-)Bedingung des Sehens präsent ist. Das Distanzieren wäre also eine Proprietät des ES, maximal dem Vorbewussten unter Umgehung des Zensors erschließbar.

Im Sehen von ‚Etwas‘ wird das Nichts ausgeblendet und zugunsten einer Dingkonstitution negiert. Diese für die sinnliche Wahrnehmung notwendige Konstitutionsbedingung ist vorwiegend dann erfahrbar, wenn traditionell mit höchst unterschiedlich konstituierter Aneignungsbegierde angeschaute ‚Gegenstände‘ – Phantasmata im Nützlichkeitsszenario – die Begehrensun­mittelbarkeit verlieren. Nicht: das Begehren verlieren – das Begehren, Träger eben dieses zu sein –, sondern die Unmittelbarkeit. Die Erfahrbar­keit der Abwehr von angeblickter Welt braucht den Verlust von Unmittel­barkeit des Sehens.

Warum geben wir die Erfahrung des abwehrenden Sehens so leicht auf? Wo anblickendes statt wegblickendes Sehen den Transfer von Bedeutung, die Herstellung von Bedeutung forciert, die Be-ziehung (niemand und nichts ‚zieht‘ dann mehr, alles ist in Beziehung) sich organisiert, organisieren sich die Leibfunktionen: die Orientierung in der (Um-)Welt wird herge­stellt, synthetisiert.

Geschlechtsdifferenzielles, hypothetisches (Un-)Wissen

Der analytische Blick ist eine Hybridform zwischen dem weltbezügliche Un­mittelbarkeit herstellenden Sehen von jeweils Etwas und dem die Welt auf Distanz halten des abwehrenden Sehens. Im analytischen Blick wird einem Dazwischentretenden Platz gegeben, um als alleiniger Gegenstand der Auf­merksamkeit zu fungieren. Analytischer Blick und Sehens-Abwehr sind al­lerdings weit voneinander entfernt. Der analytische Blick lässt in der Distanz Sinn entstehen.

Wo visuelle Medien das Angeblickte notwendigerweise mit physischer Uner­reichbarkeit ausstatten – und statt Erreichbarkeit visuelle Szenarien ab­gewehrter Binnentraumatisierung schaffen – ist das An- und Hinschauen mit (un-)bewusstem Hinweg-Blicken verbunden, mit dem auf-Distanz-Halten des Repräsentierten. Visuelle Medien verdoppeln im Hinschauen auf das Prä­sentierte die Sehens-Abwehr – von der Schrift bis zum bewegten Bild. Was dort sichtbar ist, entscheidet sich nicht zuletzt in Bezug zur imaginären Kastration, der Vorbehaltsbelegung dem begehrten Objekt gegenüber. Des­halb ist es wohl Kindern nur bedingt möglich, die Bedeutung von Gesehe­nem jenseits eines dauernden Staunens zu verstehen. Hypothese: etwas dem Spiegelstadium Vergleichbares wird sich hier dereinst finden lassen.

Wo sich Sehen als Partialobjekt einschreibt, weiß es von der weiteren Beschaffenheit der gesehenen Umwelt nur das, was es sieht. Das Maß vor­handenen Lichts und der Wechsel von Helligkeit und Dunkelheit spielen als Protoformen von Räumlichkeit und räumlicher Fülle zentrale Rollen. Da sich das Partialobjekt Sehen nicht unabhängig von anderen Partial- oder Protoobjekten einschreibt – Sehen / Gesehenes, Hören / Gehörtes, Saugen / Säugendes, Ausscheiden / Ausgeschiedenes, Fühlen / Gefühltes (avanciert: Libido) – relativiert sich die Erfahrungswelt des Säuglings …

Ob wegblickendes Proto-Sehen im intrauterinen Status eine Rolle spielt? Ist ‚Dunkelheit‘ Abwehr? Insofern ja, als auch sie auf Distanz gehalten werden muss, um nicht vom Schauenden vollständig absorbiert zu werden – Räumlichkeit des eigenen Leibes und Körperschema (image du corps).

In der gleichwohl stattfindenden umfänglichen Absorption von Dunkelheit offenbart sich die Erfahrbarkeit des ‚Anderen‘, der Verbindung des eige­nen mit dem Mutterkörper – gewesen, einst, willenlos ebenso abgewehrt.

Weshalb die Abwehr im Sehen weiblicherseits schwächer denn männlicher­seits ausfallen dürfte, was auch hinsichtlich der Malereigeschichte die offensichtliche Dominanz von Malern erklären mag, insofern sich diese mitallen Facetten widerständigen Sehens stärker zu befassen haben, bezüglich des symbolisierten Vorgangs ebenso, wie in Hinblick auf die Modulationen des imaginär Erfahrbaren. Was jedoch bei den – primär auf die Moderne be­zogenen – Verhältnissen der Objektkunst bereits anders ausfällt, insofern das Abzuwehrende bereits auf weniger als Armlänge sich genährt hat, fass­bar geworden sein muss.

Dass schließlich der menschliche Körper dunkler Hautfarbe verstärkt als wärmer, näher, weniger der Distanzkontinuität verpflichtet zumindest von VertreterInnen der nördlichen Hemisphäre empfunden werden mag, würde ebenso auf einer Ermäßigung benötigter Abwehrenergie – sofern eine solche existiert – gründen.

Eine weitere, gleichermaßen verbrämte, hypothetisch geschlechtsbezogene Aussage würde die Reaktion auf die Fragmente betreffen, wie sie anhand von ‚Wall‘ vorliegen. Männlicherseits dürften sie eher Beunruhigung und potenzierte Abwehr – Hinweg! -, Gewaltentäußerung hervorrufen, während weibliche Reaktionen mehr auf Belanglosigkeit, Beiläufigkeit abheben dürf­ten – so what? Wozu der ganze Aufwand? …

Logische Abwehr, nun, endlich.

Referenzen:
M. Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung
G.W.F. Hegel, Phänome­nologie des Geistes
R. Heinz, Was ist sichtbar?
J. Lacan, Seminar XI, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse
Luce Irigaray, Das Geschlecht, das nicht eins ist
Frantz Fanon, Peau noir, masques blancs

Ulrich Hermanns
2012